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Hinter deutschen Denkerstirnen

Linke Intellektuelle: Vom Philosemitismus zum Antisemitismus?

Ein böses Erwachen erlebt die deutschjüdische Welt seit dem 11. September.

 

 

Langjährige politisch kulturelle Freundschaften, besonders mit "linken" deutschen Intellektuellen zerbrechen. Ihr Ton wird nicht nur Israel, sondern ganz allgemein "den Juden" gegenüber ruppiger, um es diplomatisch zu formulieren.

Günter Grass personifiziert diese Entfernung und Entfremdung zwischen Deutschlands "linken" Intellektuellen und der jüdischen Welt. Nach dem 11. September, als (fast) alle - nicht nur in Deutschland - Israel als eigentliche Ursache des internationalen Terrors entdeckten, stellte Günter Grass mehr oder weniger direkt den jüdischen Charakter des jüdischen Staates grundsätzlich in Frage. Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland kritisierte den Kritiker. Der Nobelpreisträger scheint dies als Majestätsbeleidigung empfunden zu haben, denn er reagierte wenig nobel, indem er sinngemäß verkündete, er werde sich seine Freundschaft zu Israel auch nicht von Paul Spiegel nehmen lassen. Das war mehr als nur "Daffke". Klang das nicht so wie "Wer Judenfreund ist, bestimme ich!" Und weckt das nicht historische Erinnerungen an "Wer Jude ist, bestimme ich"?

Lassen wir (nur spekulative?) Gedankenverbindungen beiseite und schauen auf die nüchternen Tatsachen: Natürlich ist Günter Grass kein "Antisemit". Jeder, der in seiner Blechtrommel den Abschnitt über Herrn Fajngold nachliest, der durch und in Treblinka, wo seine Familie ermordet wurde, den Verstand verlor, sieht das sofort ein. Kaum jemals hat jemand die millionenfache Judenvernichtung so ergreifend dargestellt.

Wie so viele Weltverbesserer wußte Grass stets genau, was für die Welt im allgemeinen und die jüdische im besonderen gut und richtig war. Er hatte, wie viele deutsche Gutmenschen, die "richtigen Lehren aus der Geschichte" gezogen, und daran sollten sich - schon lange vor dem 11. September 2001 - auch Israel und die Juden halten. Das zeigte sich schon 1971 bei der "Deutschen Kulturwoche" in Israel. Trotz der Sympathie, die dem "Blechtrommler" entgegenschlug, befremdete das Verhalten des deutschen Dichters und die "Aufdringlichkeit" der deutschen Intellektuellen, bemerkte damals Frederick Olen in der Zeit. Während des Golfkrieges lieferte sich Grass 1991 mit Joram Kaniuk eine regelrechte Wortschlacht um Krieg und Frieden. Weil dabei zwei "linke" Schriftsteller miteinander debattieren sollten und gegeneinander diskutiert hatten, war mancher damals überrascht. Womit wir, ausgehend von Grass als Person, jenseits des Persönlichen beim Grundsätzlichen sind.

"Die Deutschen" - "linke" noch mehr als nicht-linke - doch grundsätzlich diese und jene, haben aus der Geschichte dies gelernt:

1) "Nie wieder Täter!"

2)  Die Bindung an die Nation führt zu Nationalismus und Völkermord.

3)  Die Verbindung von Volk und Land bedeutet "Blut und Boden".

4)  Religiöse Indifferenz ist Toleranz, Religion privat zulässig, doch politisch eher "Opium fürs Volk".

"Die Juden", auch die meisten Israelis, "linke" ebenso wie nicht-linke, haben aus derselben Geschichte, besonders der jüdisch-deutschen, das jeweilige Gegenteil gelernt (vgl. Geschichte als Falle. Deutschland und die Jüdische Welt, ars una Verlag, München 2001.):

1) "Nie wieder Opfer!"

2) Trotz der kosmopolitischen Tradition und Prägung der Juden gilt: Ohne Bindung an die jüdische oder israelische Nation kein jüdischer Staat und damit keine existentielle Elementarsicherheit für Juden.

3) Das "Land Israel" (Eretz Israel) weckt bei Juden und Israel keine "Blut-und-Boden-Schwingungen". Es wird als geschichtliches oder gar heilsgeschichtliches Ziel betrachtet.

4) Religion ist, sogar für eingefleischt weltliche Juden, Mittel zu jenem geschichtlich politischen Zweck.

 

Nicht nur die Geschichte, sondern die "Lehren aus der Geschichte" trennen Juden und Deutsche, heute wie damals und linke Deutsche noch viel mehr als nicht-linke Deutsche von Juden und Israel. Abgründe trennen uns Juden von den Rechtsextremisten (und diese von uns), aber das politische Milieu der heute rot-grünen Achtundsechziger, dem die meisten "Intellektuellen" entstammen, hat unsere Lehren aus der Geschichte nie verstanden oder verstehen wollen.

Anders als die meisten jüdischen Deutschen, Israelis und Diasporajuden, habe ich dies seit meiner Rückkehr aus Israel im Jahre 1970 stets so registriert, analysiert, kommentiert - und politische Konsequenzen gezogen: Ich entfernte mich als Fast-linker-Vor-68er nach meinem freiwilligen Militärdienst in Israel vom Linkskurs der Achtundsechziger und näherte mich den Liberal-Konservativen, die weder mit der alten noch neuen Rechten etwas gemein haben.

Schon seit 1968 war erkennbar: Die Judenfeinde stehen, wie eh und je, rechtsaußen, aber die meisten linken "Intellektuellen" sind alles andere als unsere Freunde. Der Kurs der 68er Neu- sowie DDR-Altlinken war nicht nur antiisraelisch, sondern grundsätzlich antizionistisch. Beide bestritten die moralische Existenzberechtigung eines jüdischen Staates und waren somit letztlich antisemitisch.

Mich überrascht daher eher die Überraschung vieler Juden, die erst jetzt erkennen, daß die Freundschaft zwischen uns Juden mit Vor-und-Nach-68er-Linken wie Grass auf Mißverständnissen beruhte.

Wie elementar die mißverstandene Freundschaft war, erkennt man nicht zuletzt am Gebrauch des Wortes "alttestamentarisch". Nicht nur in Volkes Mund, sondern auch bei Grass, Habermas, Lafontaine oder Kuhn ist es gleichbedeutend mit "rachsüchtig", "blutrünstig", "gnadenlos". "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst". Das, so belehrte uns Oskar Lafontaine, gebe es nur im Neuen Testament, nicht im "Alten", das er offenbar nicht gelesen hat, zumindest nicht Kedoschim (3. Buch Moses 19, 18). So bewerten unsere "Freunde" unsere Heilige Schrift, die Grundlage unseres Seins.

Haben diese Freunde uns Juden vielleicht nur als "Entréebillet" (Heinrich Heine) in die Weltkultur gebraucht? Jetzt brauchen sie uns nicht mehr. "Der Mohr hat seine Arbeit getan, der Mohr kann  gehen" (Schiller).

Diese klassische Methode beherrscht freilich nicht nur die deutsche Linke. Auch Frank Schirrmacher, Feuilleton-Herausgeber der FAZ, beherrscht sie bestens. Bei der Walser-Bubis-Kontroverse konnte man es 1998 beobachten: Erst war er Walsers Lobpreiser in der Paulskirche, dann bejubelte Schirrmacher - wie fast alle Anwesenden stehend und mit vor Bewunde-rung überquellenden Augen - die Rede des Schriftstellers, um danach, als alles durch den Protest von Ignatz Bubis brenzlig wurde, quasi zum politisch korrekten Ausgleich, eine Kontroverse mit Pro und Contra anzuheizen und - nach dem Tod von Bubis - wieder einen Walser-Roman vorab zu drucken. Dem lebenden Bubis offen und öffentlich zu widersprechen (was ich, auch in seiner Auseinandersetzung mit Walser, tat und wofür ich zu Recht oder Unrecht gescholten wurde), hat er nie gewagt. Überhaupt häuften sich jüngst jüdische Empörungen über die FAZ - keineswegs nur wegen ihrer ungewohnt uneleganten Attacken gegen Michel Friedman. Holzhammer statt Florett.

Juden als Entréebillet will - und braucht! - im neuen Deutschland weder die Linke noch die Nicht-Linke. Beide "emanzipieren" sich von uns Juden. Daß sie es nach fünfzig Jahren einer gut funktionierenden deutschen, demokratischen Bundesrepublik wollen, ist verständlich, wie sie es versuchen, weckt Erinnerungen an Kaiser Wilhelm: stramm, trampelhaft und völlig unsensibel "altdeutsch".

 

 

von Michael Wolffsohn , 16. Januar 2002

Allgemeine Jüdische Wochenzeitung

 

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